per kirkeby


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projekt bei der minoritenkirche krems-stein



Ich ging um die Kirche herum, um auf einen möglichen Platz für die Backsteine zu kommen. Eng und zugewachsen war’s und ungepflegt. Kloster- und Stadtkirche, und man konnte sich gerade an der einen Längsseite entlangzwängen, die andere war mit anderen Gebäuden zusammengewachsen. Aber ganz hinten, an den langen Strebepfeilern des Chorabschlusses, dort gab’s sowohl Stadt als auch Land. Land, weil die Weinberge sich in greifbaren Abständen auftürmten. Stadt, weil es zur anderen Aussicht Dächer und Kirchtürme gab; es war eine Stadt wie auf einem Stich von Dürer. Oder ein Hintergarten in heimlicher Ausgelassenheit. Es zwitscherte und summte. Hier stand ich also, in Krems, im Verborgenen hinter einer mittelalterlichen Kirche, sozusagen ganz zufällig stand ich hier wie in einem kurzen Zögern in ewiger Rastlosigkeit und war der erste Paragraph bei Wittgenstein: Die Welt ist alles, was der Fall ist. Und während ich in dem chinesischen Notizbuch Anmerkungen machte und im Unkraut Maße abschritt, war ich beim zweiten: Was der Fall ist, ist Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten. Und während ich beschwörend im Unkraut umherschritt, begannen die Grabsteine emporzuwachsen. Wie Pilze an der Wurzel des hochstämmigen Chores. Das Licht wedelte im Laub, die Weinberge summten vor lauter Stille, die Stadt zerfiel. Und, begleitet von meinem Lieblingsparagraphen Wittgensteins, in der logischen Bewertung etwas weiter unten, nämlich 2.15, fingen die Elemente an, sich unter dem Einfluss unbekannter Schwingungen zu arrangieren: Dass sich die Elemente des Bildes in bestimmter Art und Weise zueinander verhalten, stellt vor, dass sich die Sachen so zueinander verhalten. Im Flughafen von Wien fiel alles im großen und ganzen über die blauen Linien des Notizbuches an den rechten Platz. Eine nicht ganz unbekannte Konfiguration war wiedergeboren. herausgesprossen aus den früheren Bestattungen hinter der Kirche. Der große Kreislauf oder die ewig verpflichtende Wiederholung. Hier am Arbeitstisch wurde es am Backstein-Modul auf die Probe gestellt. Das ist ein ganz entscheidender Test. Erst mussten die Backsteine gefunden werden (in diesem Fall außerhalb von Österreich, wo es aus irgendeinem Grund nur Klinkersteine gibt, deren Dimensionen zu gewaltig sind, um sie hinter der Kirche einzuklemmen). Ließen sich alle Bewegungen unter Einhaltung der Mauermaße ausführen, dann war alles gut, und sie konnten mit dem Mauern anfangen. Es stimmte, und es wurde bestens gemauert. Als ich zurückkam, strömte die Sonne in die blinden Fenster der großen Steine hinunter und ließ sie schwer um die leere Mittelachse herumgehen. Später, als der Bürgermeister und die anderen Gäste kamen, regnete es in Strömen, aber das war auch nicht so schlimm.
(Per Kirkeby)



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