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Kunst schafft etwas, das aussehen soll wie Natur: künstliche Natur, so Kant in der Kritik der Urteilskraft. Daraus zu folgern ist, dass künstliche Natur keineswegs etwas Befremdliches darstellt, sondern dasjenige, was von der Kunst gerade erwartet werden sollte. Regula Dettwiler nun produziert Kunst über künstliche Natur, was dieses Verhältnis schon vertrackter macht. Wie eine Forschungsreisende erkundet sie beispielsweise Blumenspezies, um sie detailtreu und zerlegt in der Art von Florilegien grafisch festzuhalten. Boten derlei Pflanzenbilder vom 17. Jahrhundert an den Naturwissenschaften Referenzmaterial für ihre Zwecke, weisen Dettwilers Orchid made in China, Pansy made in Taiwan etc. nun zurück auf deren industrielle Fertigungsprozesse. Billiger meist als ihre Vor- und Ebenbilder, unempfindlicher und in ewiger Blüte finden diese Kunststoffimitate offenbar Gefallen - ihre schiere Anzahl selbst in herkömmlichen Blumenläden spricht dafür. - Natur als Massenprodukt, aus zweiter Hand, und entsprechend zugerichtete Erlebnisräume stecken das künstlerische Interessensgebiet Regula Dettwilers ab.
Mit der Vergabe der Gartengestaltung vor den Trakten des Landespensionisten - und Pflegeheims Tulln wurde sie als Künstlerin mit dem betraut, was bei derartigen Einrichtungen eigentlich das Natürlichste sein sollte. Das Potenzial des Areals als kommunikativer, sozialer Ort sollte ihrer Ansicht nach im Zentrum stehen; keine liebevoll, doch sinnfrei behübschte Fläche, sondern eine belebte Landschaft, eine animierte: eine Landschaft mit Tieren. Die Form der Anlage ist in vielem ihrer Funktionalität geschuldet, ist von den Zimmern aus gut einsehbar, ist überschaubar und klar. Bestehendes wurde wo möglich integriert; durch den Zubau des psychosozialen Betreuungszentrums und von Alterswohnungen, die das Gebiet vergrößerten und zugleich sinnvoll fassen, war Regula Dettwilers Landschaftsplanung seit der Erteilung des Auftrags 2003 mehreren Änderungen unterworfen.
Die Frage, was Natur ist und was menschlicher Gestaltungswille, ist auch diesem Garten eingeschrieben: Bewusst puristisch wie aus einem Baukasten bestückt wird kein Hehl daraus gemacht, dass Landschaften auch Artefakte sind: Hügelkuppen wie Kalotten, schlicht geschnittene Unterstände für die Tiere, gute Gehwege, ein paar Bänke, Bäume und zwei Teiche - im Fachhandel erhältliche Imitate des Aral - und Chiemsees, von vielleicht je anderthalb Metern Breite - bilden das Revier für Zwergziegen und Riesenhasen, Lauf- und Zierenten, Graugänse und Kaninchen. Das Prototypische ist als Vorgabe gedacht, die je nach Bedarf und nach Bedürfnissen modifiziert werden kann. Teils tun das die Tiere selbst: Die für die Ziegen angelegte Felslandschaft wird ignoriert, dafür das Dach der Hasenställe an der Außenwand des Haupthäuschens adaptiert als Hochsitz und Auslugplatz; an den halbkugeligen Hügeln heben die Hasen tüchtig Kuhlen aus und lassen sie südseitig zur Kraterlandschaft werden.
Nach einem Jahr Probelauf, in dem der eine oder andere regulierende Eingriff nötig geworden war, gab Regula Dettwiler im Mai 2008 die Anlage frei und ab, um sie eigenverantwortlich seitens des Heims weiter betreut zu wissen. Nach mitunter gröberen Widerständen in der Planungsphase bewirkten die Tiere - einmal da - allerdings eine rasche Identifizierung mit dem Garten. Dass derjenige, der sie aus seinem Eigenbestand leiht, zugleich Pfleger im Haus ist, erwies sich als glückliche Fügung. In den unterschiedlichen Größen der Hügel und Häuschen, in der paradoxen Formtreue und Maßstäblichkeit der Teiche wird das Modellhafte ersichtlich, das Modulare einer auch spielzeughaften Szenerie, deren Akteure ihr Sozialverhalten und Kräfteverhältnis untereinander laufend zur Schau und auf die Probe stellen.
Dies zu betrachten wird nie fad; im Gegensatz zum Fernsehen bietet dieser Tiergarten aus nächster Nähe Überraschungen und Unterhaltung. Nicht nur, dass das Areal des Heims als offener und öffentlich zugänglicher Ort, dass seine Terrassen dadurch enorm aufgewertet werden. Für nicht wenige der Heimbewohnerinnen und -bewohner ist eine solche Attraktion das einzige, was sie noch aus dem Haus, ja aus dem Zimmer oder gar Bett heraus zu locken mag - Regula Dettwiler hat Erfahrungen damit als Praktikantin in einem Schweizer Pflegeheim selbst gemacht. Die Bewegungen, die Geräusche und Gerüche motivieren alle Sinne, rufen womöglich die eine oder andere Erinnerung an früher wach, an eigene Haustiere, ans Aufwachsen und Leben am Land. Das Schauen und (unter Aufsicht mögliche) Streicheln bieten ein Gefühl von Glück, wie es gerade im Therapiebereich so wichtig ist. Zugleich liefert die Menagerie auch einiges an Aufregung: Zwei Zierentchen ersäufen eine Laufente beinah; Hasen büxen aus dem Gehege aus und tun sich an der Kräuterspirale des Hauses gütlich; nach einer Fehlgeburt nimmt die Ziege ein unversorgtes Junges an und zieht es auf. Friedlich grasen, dösen, Fell oder Gefieder pflegen, sich um ein aus der Küche abgefallenes Salatblatt raufen: Bilder sind das, die das stilisierte Landschaftsbild beseelen - und die ihrerseits animieren: Mit Fotografien der Tiere etwa, die bei Basaren zum Verkauf geboten werden, versuchen im Heim Wohnende und Tätige einen Teil der laufenden Kosten dieses Habitats zu decken.
Einige Jahre zuvor hatte Regula Dettwiler Gärten kreiert, die, mit einem Computerprogramm nach Gutdünken aus Versatzstücken gefügt, virtuell begehbar waren. Ihre Tullner Landschaft mit Tieren nun bietet auf ähnliche und dabei doch gänzlich andere Art eine permanente Animation im Garten.
(Ulrike Matzer)

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