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marlene und lina streeruwitz


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Verstickung.
Mixed-media-Projekt



Die Mixed-media-Arbeit, die Marlene und Lina Streeruwitz für den Eingangsbereich von Haus 4 des Niederösterreichischen Regierungsviertels konzipiert und umgesetzt haben (Fotografie: Christian Wachter) nimmt sich in der ästhetischen Reduktion von Farbe und Form ebenso verhalten aus wie sie allein durch die relative Größe und die verbale Aussage starke Präsenz behauptet. Auf einer monochromen Fläche von 1,8 mal 3 Meter kristallisiert sich in der Mitte ein Satz, in der oberen rechten und unteren linken Ecke flüchten Wildtiere gegen die Bildränder hin. Die Diskrepanz von Zurücknehmen und Hervortreten, Verblassen und Erscheinen, von Raum und Fläche, Konzentration und Disparität, erzeugt eine Spannung und Irritation, die sich in allen Strukturen der Arbeit fortsetzt, die den Blick einfängt und die/den Betrachtende/n, Lesende/n innehalten und stutzig werden lässt, so als sei sie / er soeben herausgefallen aus dem herrschenden Kontinuum.
Formal zitiert "Verstickung." Volksweisheiten und Segenssprüche, wie sie auf bestickten Wandbehängen vor allem die Küchen als heimatlich-heimelige Zentren zieren und das herrschende Ordnungs- und Wertesystem affirmieren – um sie auf allen Ebenen zu unterlaufen. Die bei frappanter Schlichtheit und Eleganz hochkomplexe intermediale Arbeit schließt unterschiedliche künstlerische Medien – Sprache, Literatur/Dichtung, textile Gestaltung/Stickerei, Malerei, Fotografie und Raumgestaltung – ein und verbindet Bereiche so genannter hoch- und volkskultureller Produktion ebenso wie sie Fragen gestalterischer Intervention im öffentlichen Raum, Fragen der Grenzen zwischen anonymer und autorisierter, privater und öffentlicher Kunst formuliert.
Träger- bzw. Ausgangsmaterial der fotografischen Raumarbeit ist ein Stück Leinen, das als Werkstoff der Stickerei ebenso zugrundeliegt wie dem klassischen Medium der Bildgestaltung, der Malerei. Im Keil- wie im Stickrahmen auf- bzw. eingespannt, dient es dazu, die jeweilige Aussage aufzunehmen. Als Gewebe, als "brüchiges Netz an Oberfläche" , steht es auch im Assoziationsfeld der Sprache und Literatur. In den pastelligen, zarten, zuweilen fast durchlässig erscheinenden Hauttönen – ein für Marlene Streeruwitz‘ Textwelt charakteristischer Kolorit – kommt ein Fluidum zum Tragen, das die dünne Membran zwischen Außen und Innen, die Verletzbarkeit des menschlichen, vornehmlich weiblichen Körpers und weiblicher Lebensentwürfe transportiert.
Und in ebendiesen Grund setzt die Autorin Marlene Streeruwitz die Ungeheuerlichkeit der Sprache, die Kreuz-Stiche eines vermeintlich geschlossenen, ganzen Satzes. Dass die Raumkünstlerin Lina Streeruwitz diesen poetischen Vorgang in Leinen und königstintenblauem Perlgarn aufnimmt und abbildet, sich die "Verstickung." also auch auf poetologisch-künstlerischer Meta-Ebene, als Dialog zwischen den Künsten und Künstlerinnen, vollzieht, stellt einen besonderen Reiz dar. Der doppelte Kunstgriff bedingt, gemeinsam mit der gleichsam hyperrealistischen, strukturbetonenden Vergrößerung durch die Fotografie, die Tiefe, Subtilität und Wirksamkeit der Arbeit.
Mit dem gestickten Satz "Wenn die Ordnung am größten ist, hat die Verzweiflung ihre beste Zeit." zitiert sich Marlene Streeruwitz selbst – der Satz entstammt ihrem dramatischen Text "Elysian Park" (1996) und findet sich in leicht abgewandelter Form auch im „Tagebuch der Gegenwart“ (2002), beide Male im Zusammenhang obrigkeitlicher Gewalt. In ihrer Ganzheit scheint die Formulierung die Forderung der Autorin nach einem Aufbrechen der herrschenden Sprachmacht – wie sie es in ihren Texten durch Schnitte im Sprachmaterial, durch Unterbrechung ganzer Sätze und Zitate kenntlich macht – zu konterkarieren. Die Parallelführung der Begriffe „Ordnung“ und "Verzweiflung" jedoch steht in diametralem Gegensatz zu herrschenden Satzungen, und die „Unordnung“ birgt als Um- und Neu-Ordnung der Begriffe und Relationen jene Sprengkraft, die jede Macht und Gewalt in Frage stellt.
In den Widerhäkchen der "Verstickung." von Marlene und Lina Streeruwitz wird eben jener utopische Moment vollzogen, in dem Trauer und Resignation – über das Aufgehen des Individuums im Werkstück, über das Ersticken des eigenen Selbst im Produktionsprozess – umschlagen und fruchtbar gemacht werden kann für eine neue Sprache, die die Würde und Freiheit jedes einzelnen Menschen als höchstes Gut in sich trägt und sichtbar macht.
(Katharina Herzmansky)
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