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simon wachsmuth


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der neunte tag



Die Synagoge in St. Pölten wurde während der Novemberpogrome 1938, in der Nacht vom 9. auf den 10. November, in Brand gesteckt. Torarollen, Toravorhang, Mobiliar, Bücher und Bilder wurden vernichtet oder verschwanden spurlos. Der Bau selbst wurde beschädigt und nach 1945 nicht wieder instand gesetzt, sodass er über Jahrzehnte zunehmend verfiel. Erst zwischen 1980 und 1984 wurde das Gebäude renoviert, und seit 1988 beherbergt es das Institut für jüdische Geschichte Österreichs. Obwohl das Gebäude nicht mehr im religiösen Sinn verwendet wird, verweist es in seiner neuen Funktion als aktiver Erinnerungsort auf seine spezifische Geschichte und in seiner Neubestimmung auch auf die Verfolgung und Ermordung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus und den damit verbundenen Verlust. Die ehemalige Synagoge St. Pölten ist heute Zeugnis einer nicht mehr existierenden Gemeinde, aber auch Gedenkort und Raum von Wissensproduktion.

Simon Wachsmuths Installation „Der Neunte Tag“ gründet auf der Auseinandersetzung mit der „Aufladung“ und „Konstruktion“ von Geschichte. So bringt er mit dem Titel seines Projekts zwei historische Ereignisse miteinander in Verbindung: die Zerstörung des Tempels in Jerusalem, deren am Neunten des Monats Av gedacht wird, und die sogenannte „Reichspogromnacht“ am 9. November 1938. Der Künstler verweist auf den gemeinsamen Nenner von zwei scheinbar disparaten Ereignissen in der jüdischen Geschichte – die kontinuierliche Anfeindung und Zerstörung jüdischer Lebenswelten – und fasst sie in einer symbolischen Geste zusammen.

In der ehemaligen Synagoge von St. Pölten wird nicht der Toravorhang wiederhergestellt, vielmehr fungiert der verwendete Stoff als Stellvertreter, als Verweis auf das, was fehlt. Ein dunkles Tuch aus Licht absorbierendem Material verhängt den Toraschrein. Ein kleines Rechteck aus hellem Stoff ist mit nur ein paar Nadelstichen auf seiner Oberfläche befestigt.
Sein Material gemahnt an einen festlichen Gebrauch, es ist glänzend und fein strukturiert. Durch eine unsichtbare Windquelle wird der Stoff stetig und das ganze Jahr hindurch in leichter Bewegung gehalten. Am Tag des 9. Av, der ein jüdischer Fast- und Trauertag ist, wird der Toravorhang traditionell abgehängt, um die Torarollen für die trauernde Gemeinde sichtbar zu machen. In Anlehnung und Gedenken an die Ereignisse, die sowohl dem religiösen Feiertag als auch dem Gedenktag der Reichspogromnacht zugrunde liegen, wird während des 9. Av (Juli/August) und am 9. November die Windquelle in der ehemaligen Synagoge abgestellt, und der Vorhang ruht.

Wind ist sowohl ein ephemeres Phänomen als auch ein natürliches und symbolisches Element. Bereits im Buche Genesis steht, dass der Geist Gottes (Ruach Elohim) vor der Erschaffung der Welt über dem Wasser schwebte. Im Hebräischen ist das Wort für Geist auch mit Wind übersetzbar. Wind ist nicht sichtbar – er kann erst durch andere Objekte mit materiellen Eigenschaften visualisiert werden. Er ist nicht fassbar, zugleich weht er seit Abertausenden von Jahren über unsere Erde, lange bevor oder nachdem Kulturen entstanden und wieder vergangen sind.

"Die Installation ‚Der Neunte Tag‘ ist von formaler Schlichtheit, ja sogar Strenge. Die visuelle Repräsentation rückt zugunsten einer Geste in den Hintergrund. Denn es sind nicht primär Form, Farbe oder andere Qualitäten des sichtbaren Materials, welche die Fehlstelle in der Synagoge von St. Pölten sichtbar machen, sondern jene Verknüpfungen vielschichtiger historischer, sprachlicher und phänomenologischer Aspekte, die sich erst durch den Anteil der einzelnen Besucher_innen entfalten, ihr Innehalten und ihre Reflexion erweiter[n] den Gedanken zum Gedenken" (Simon Wachsmuth).
(Martin Hochleitner)
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