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Zwar ist die Bezeichnung "Kegel" geometrisch gesehen richtig, doch erinnert er eher an einen kaligrafischen Pinselstrich, mehr noch an eine Nadel, die sich nach oben hin konisch verjüngt – eine Form, mit der Bechtold immer wieder arbeitet. Nur für sich stehend verschließt das Objekt seine Geschichte in sich. Es ist minimalistisch und dadurch selbstreferenziell. Erst der Kontakt zur Umgebung lädt es mit Informationen jenseits von Materialität und Form auf. Das ist der Dualismus, mit dem Gottfried Bechtold zunächst experimentiert, um dann die Fäden weiter zu spinnen, wenn der Kegel als Gegenüber eine steinerne Athene erhält, die ihn von der anderen Seite des Treppelwegs anschaut. Als Göttin der Weisheit und der taktischen Kriegsführung, als Schutzgöttin der Dichter, Philosophen, Künstler und Handwerker und als Hüterin des Wissens erzählt sie ihre eigene Geschichte. Der Künstler hat hier zweifach interveniert: Die Skulptur aus dem 19. Jahrhundert, die als Geschenk an die Gemeinde bereits vor einigen Jahren an diesen Platz gestellt wurde, hat er gedreht, sodass sie den Kegel anschaut. Er hat ihren Blick umgelenkt und ihre Augen und das Buch in ihrer Hand durch einen Bronzeüberzug hervorgehoben. Hier fächerte sich die Installation in mehrere Bedeutungsebenen auf. Bechtold hat den Kegel subtil, aber unmissverständlich in Beziehung zur historischen Skulptur gesetzt, also eine Art Dialogsituation zwischen Gegenwart und Vergangenheit hergestellt. Durch diese Konfrontation wird der Raum zwischen den Artefakten zum Teil der Installation in Form einer immateriellen Skulptur, und Zeit wird durch Raum erfahrbar gemacht. Gleichzeitig wird die Frage, ob sich das Kunstwerk nur auf sich selber beziehen kann oder auch auf die Außenwelt, neu formuliert. Indem er ikonisches und narratives Denken zu einer seiner „neuen Legierungen“ formt, scheint die erfrischende Antwort Bechtolds für alle noch immer unter dem Diktat der Dialektik Stehende ein Sowohl-als-auch zu sein.

Mit seinen Überschreitungen sämtlicher Gattunsgrenzen ist Gottfried Bechtold seit dem Ende der 1960er-Jahre nicht nur einer der wenigen frühen österreichischen Protagonisten der Konzeptkunst, sondern er hat auch – international gesehen – maßgeblich zur Erweiterung des Skultpturbegriffs beigetragen. Bereits 1972 realisierte er die Arbeit „100 Tage Anwesenheit in Kassel“, für die der Künstler während der gesamten Dauer der documenta 5 an wechselnden öffentlichen Plätzen in Kassel anwesend war und damit die Immaterialität der Performance, die Handlung an sich, zur Skulptur erklärte. In seinem aktuellen Schaffen lotet Bechtold nach wie vor und scheinbar mühelos die Grenzen künstlerischen Handelns aus. Dabei greift er manchmal auf frühere Arbeiten zurück. Wegen der Wortverwandtschaft kann man in diesem Zusammenhang auch an seine Zeichnung „Von Spitz bis Stumpf“ (1972) denken: Eine von links nach rechts über das Blatt geschwungene durchgehende Bleistiftlinie wird von oben nach unten immer dicker. Hier blitzt bereits der Sprachwitz auf, der aus Bechtolds Werk nicht wegzudenken ist.

Mit der Wachauer Installation macht Gottfried Bechtold reale Geschichte sichtbar. Aber es darf nicht unerwähnt bleiben, dass er durch seine Intervention auch eine fiktive Geschichte entwirft, die mit dem Ort und der Sprache spielt und die Verbindung zur Zukunft ist. So kommt der Ort Spitz zu einem „Spitz“. Und ganz nebenbei wird klar, dass Geschichtsdeutung immer eine durch individuelle und gegenwärtige Sichtweisen gebundene Konstruktion ist. Das gibt der Installation schließlich auch noch eine ironische, vielleicht auch selbstironische Note.
(Cornelia Offergeld)
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