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Fotos © Martina Faust
Fotos © Martina Faust
 

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Die Nase voll - Sieben Fragmente zu Gelatins Skulptur "Nase" von Raimar Stange

I.
Es ist fast schon idyllisch: Da liegt eine Nase am Ufer der Donau, gleich an der Fährstation St. Lorenz in der Wachau. Die Nase ist etwa vier Meter hoch und fein säuberlich aus Beton gebaut. Die Nasenlöcher bilden kleine Höhlen und sind begehbar. Und die in die Luft ragende Nasenspitze bietet, nimmt man/frau auf ihr Platz, einen wunderbaren Blick auf den dort vorbeifließenden Strom. Gerade Kinder machen von diesem Angebot natürlich gerne Gebrauch. Ein wenig scheint es, als wäre Jonathan Swifts Gulliver hier an der Donau begraben und nur seine Nase würde aus dem Erdreich herausragen. Bei dieser Nase aber handelt es sich um "Kunst im öffentlichen Raum", die Wiener Künstlergruppe Gelatin hat sie konzipiert sowie bauen und installieren lassen. Die Arbeit übrigens "riecht" auf den Namen "Die Wachauer Nase". Aber nicht nur an "Gullivers Reisen" lässt uns diese Nase denken, auch an Claes Oldenburgs Aquarell "Design for a Tunnel Entrance in the Form of Nose" (1968) erinnert sie – oder an die Collage "5 Sinne" (1967) des postmodernen Architekten Hans Hollein, auf der ein Gebäude in Form einer gigantischen Nase mitten in New York City zu sehen ist.

II.
Die Arbeit an der "Wachauer Nase" begann bereits im Oktober 2012, als Gelatin mithilfe einer Lokalzeitung die Wachauer Bürger dazu aufrief, ihre Nasen von der Künstlergruppe dokumentieren zu lassen. Etwa 70 Menschen kamen und ließen Gipsabgüsse ihrer eigenen Nase machen, die dann als Vorbilder für die typische Nase der Wachau dienten. Dank dieses Konzeptes ist die "Wachauer Nase" – nomen est omen – auch ein Porträt der Menschen geworden, die um die Skulptur herum leben, ein Porträt, das mit einem Augenzwinkern gleichzeitig von der Unmöglichkeit eines solchen "Gruppenbildes" erzählt. Ein ähnliches Verfahren nutzte die US-amerikanische Künstlerin Nancy Burson übrigens für ihre Fotoporträts, z. B. für "Big Brother" (1983). Burson setzte damals aus TV-Fotos bekannter Diktatoren durch Überlagerung am Computer quasi ein Idealporträt des typischen Diktators zusammen.

III.
Vom Bösen zu reden ist heute ein Problem, denn die Kunstwelt ist längst ebenso in positiver Stimmung gleichgeschaltet wie z. B. unsere postmoderne Medienlandschaft. Daran ändert auch die künstliche Aufregung der rechtspopulistischen FPÖ, die angesichts der "Wachauer Nase" reflexartig von "Kulturunfug" und "abnormalem Kunstgeschmack" redete, nichts.
Der französische Philosoph Jean Baudrillard begründet diese "Unmöglichkeit, Böses zu sagen", in seinem Buch "Transparenz des Bösen" (1990) u. a. folgendermaßen: "Die geringste Negativität wird durch virtuellen Konsens betäubt." Und zu diesem Konsens gehören heute längst gleichsam verabredete "Feindschaften" wie die zwischen der FPÖ und der Künstlergruppe Gelatin. Gelatin nun redet mit ihrer figurativen Skulptur nur scheinbar fröhlich, auf Umwegen nämlich, wenn man so will, in "indirekter Rede" (Michael M. Bachtin), spricht die "Wachauer Nase" dann doch über Negatives, nicht zuletzt dadurch, dass die Nase als Motiv auch eine latente Geschichte des Bösen hinter sich hat. Zum einen ist sie seit Jahrhunderten ein Signé für die Trunksucht verdorbener Charaktere. Ein klassisches Beispiel hierfür lieferte etwa Honoré de Balzac in seiner "Menschlichen Komödie" (1830–1847), in der er den Druckereibesitzer Nicolas Séchard so beschreibt: "Seine Nase hatte den Umfang und die Form eines großen A von riesigen Dimensionen." In der Weingegend Wachau liegt dieses Bild natürlich besonders nahe. Dann spielen in dieser Geschichte die das Gemälde zerstörenden "Nasen" eine Rolle, also die versehentlich herunterlaufende Farbe in Form eines dünnen Wulsts. Oder man denke an den "Naseweis", der ungefragt "überall seine Nase hineinsteckt" und dann als "Rotznase" beschimpft wird. Solche Bilder schwingen mit, wenn die "Wachauer Nase" rezipiert wird. Und sie vermögen den von Jean Baudrillard behaupteten "virtuellen Konsens" ein wenig infrage zu stellen.

V.
Böse wird die "Wachauer Nase" auch, wenn sie über ökologisch Prekäres spricht, bei Hochwasser nämlich, und ein solches ereignet sich hier bei St. Lorenz etwa dreimal im Jahr. Dann versinken die Nasenlöcher-Höhlen im Wasser und fangen an zu stinken – die Natur hat gleichsam die Nase voll, sind diese Hochwasser doch auch eine Folge des sich stetig desaströser auswirkenden Klimawandels.

VI.
Gelatin, die selbstverständlich keine Greenpeace-Aktivisten sind, gewinnen dem Thema "Dreck und Nase" dann auch eine weniger ernste Seite ab. So haben sie die "Wachauer Nase" während der Eröffnungsfeier am 12. Juli 2014 sauber herausgeputzt und dafür verschmitzt "entschmutzt". Damals nämlich zogen Mitglieder der Künstlergruppe während einer Performance gelbe Plastiksäcke aus den Nasenlöchern der Skulptur. Gefüllt waren die Säcke mit Rotz und Popeln, die sie zuvor über Monate gesammelt hatten. Die "Wachauer Nase" entpuppte sich so als "Trojanisches Pferd", das trotz seiner scheinbaren Nettigkeit einen Moment lang vermeintlich Ekeliges zutage brachte.

VII:
Auf den zweiten Blick ist die "Wachauer Nase" auch aufgrund ihrer formalen Sprache ein kritisches Unterfangen. Zwar kommt die Arbeit als figurative Skulptur zunächst einmal recht harmlos daher und dient sogar, wie oben beschrieben, als spielerisch zu nutzende Aussichtsplattform, doch schnell stellt sich beim ("geschulten") Betrachter auch so etwas wie ein Unbehagen an der Kultur der "Wachauer Nase" ein. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Figurative Skulpturen sind infolge ihrer jüngeren Geschichte immer auch gleichsam "künstlerisch unkorrekt", wurden und werden sie doch – und dies meist in dezidiert polemischer Abkehr von der künstlerischen Sprache der Abstraktion – immer wieder von totalitären Mächten als monumentale Repräsentationsformen missbraucht. In dieser "bösen" Tradition bewegt sich, ungewollt oder nicht, auch die "Wachauer Nase", sie spielt so wohlkalkuliert mit dem Feuer, nicht zuletzt auch wegen ihrer überdimensionierten Größe.
(Raimar Stange)