anita leisz


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hws wiese



Ein Baum, eine Straßenlampe, zwei Mistkübel, eine Bank, zwei Betonquader (einer davon mit Holz beplankt) und Fahrzeugspuren – die von Anita Leisz eingesetzten Elemente für ihr Kunst-im-öffentlichen-Raum-Projekt in Niederösterreich sind so unspektakulär wir der Titel selbst: HWS-Wiese (Hochwasserschutz-Wiese). In der Ausstattung und im Namen deutet sich bereits ein gewisser Pragmatismus an – ganz im Sinne eines Handelns, das in erster Linie praktischen Erwägungen folgt. Eine Wiese ist Grünland, das gemäht, genutzt und erhalten wird; angesichts dessen scheinen die Traktorspuren beinahe zwingend dazuzugehören. HWS-Wiese fügt sich geradezu selbstverständlich in ein Umfeld, in dem Hochwasserschutz von grundlegender Bedeutung ist.

Als im Juli 2002 das sogenannte „Jahrhunderthochwasser“ Spitz an der Donau empfindlich traf, begann man, Überlegungen zu einem zuverlässigeren Schutz vor den Wassermaßen anzustellen. Im Juni 2013 sollte sich das nunmehr funktionierende Schutzsystem bereits beim neuerlich auftretenden „Jahrhunderthochwasser“ bewähren. Das Umfeld von HWS-Wiese ist diesen aktuellen Anforderungen untergeordnet: Das Grünstück liegt zwischen der rund 1.200 Quadratmeter großen HWS-Halle mit davor gelagertem asphaltiertem Platz und Zufahrt zum ebenfalls asphaltierten Fuß- und Radweg entlang der Donau. Denn im Fall eines Hochwassers müssen die in der Halle gelagerten Mobilelemente rasch zum Einsatz kommen.

Diese Situation bildet die Ausgangsbasis für Leisz’ Arbeit. Schritt für Schritt hat sie sich diesem Ort und seinen Gegebenheiten angenähert: Sie beobachtete die Abläufe vor Ort und führte Gespräche mit Bewohnerinnen und Bewohnern, mit Gästen und dem Busfahrer, der neben der HWS-Halle seine tägliche Pause macht. Leisz hat das Grundstück vermessen und im Laufe von mehreren Monaten verschiedene Optionen seiner Nutzung durchgespielt. Über die Auswahl der Gegenstände und ihre Materialität stellt Leisz gezielt Verbindungen zur Situation vor Ort her: zu den Hochwasserschutzmaßnahmen, zum örtlichen Kreisverkehr (Straßenlampe), zum Schwimmbad (mit Holz beplankter Quader), zu kürzlich durchgeführten Arbeitsmaßnahmen (Traktorspur), zu den an der Donau flanierenden Passantinnen und Passanten, die Mistkübel, Schatten oder auch nur ein ruhiges Plätzchen suchen. Die Betonquader sind nicht nur in Relation zueinander platziert, sondern sie beziehen sich in Material und Höhe direkt auf die stationären Mauern und Mauersockel für die mobilen Schutzwände entlang der Donau. Zwei vorhandene Kastanienbäume wurden an ihrem Standort belassen, zusätzlich wurde eine Schatten spendende Linde gepflanzt.

Mit wetterbeständigen Mistkübeln und einer windgeschützten Bank knüpft Leisz zwar an ein praktisch orientiertes Umfeld an, doch finden sich auch entscheidende Differenzen: in den Details, in der Materialität, der Farbe, der Herstellung und in der Konstellation der Dinge zueinander. So ist die Bank – ein Standardmodell – kürzer als üblich. Die grauen Mistkübel sind aus Email und das Ergebnis mehrerer Testreihen mit der Firma Riess. Die Traktorspur wurde aus Beton gegossen und anschließend mit Erde bedeckt. Einer der Mistkübel ist unter der Straßenlaterne aufgestellt, so als würde er von dieser beleuchtet. Erst bei näherer Betrachtung und vor allem im Gebrauch – indem man sich etwa auf die Bank setzt oder etwas in den Mistkübel wirft – werden die Unterschiede zum Umfeld spürbar, fallen sorgfältige Verarbeitung und Materialität auf. Der funktionale Mistkübel entpuppt sich letztendlich als eine Skulptur mit Funktion. Jedes Element erhält seine Autonomie – es ist exponiert – und tritt gleichzeitig in eine Beziehung zu den anderen Elementen und zum Umraum. In dieser Hinsicht wird auch eine Verbindung zu den anderen Arbeiten der Künstlerin hergestellt: Leisz’ Skulpturen sind autonom und selbstreferenziell und zugleich auch höchst relational und referenziell. Sie verweisen auf etwas, das außerhalb ihrer selbst liegt: auf den Raum, auf die Sphäre der industriellen, aber auch handwerklichen Produktion; sie deuten Funktionszusammenhänge oder Narrative an und beziehen die Rezeption mit ein. In Materialien oder Titeln tauchen alltagskulturelle Referenzen auf. Die Arbeiten von Leisz beziehen sich nicht auf einen abstrakt konzipierten Umraum, sondern auf einen spezifisch konnotierten Raum. So ist es auch in Spitz an der Donau: Die Gegebenheiten bilden für die Künstlerin den Ausgangspunkt, einen Ort herzustellen, der zur Auseinandersetzung mit dem Vertrauten und Unvertrauten einlädt.
(Barbara Steiner)
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