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stefan klampfer


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der michelberg – analyse und interpretation



Die letzten Handgriffe an Stefan Klampfers Arbeit "Der Michelberg – Analyse und Interpretation" erfolgten in der Woche von Sigmund Freuds fünfundsiebzigstem Todestag. Der kalendarische Zufall macht uns noch aufmerksamer für die spezifischen Schichtungen von Erinnerung, die im Zentrum des Werks stehen. Bereits am Beginn stand die – über einen Wettbewerb formulierte – Herausforderung, mit künstlerischen Mitteln auf etwas unsichtbar Gewordenes Bezug zu nehmen, nachdem beschlossen worden war, die Ausgrabungen verschiedener Kirchenbauten aus Frühneuzeit, Mittelalter und Barock, die in den letzten Jahren vor Ort gemacht worden waren, aus konservatorischen Gründen wieder zuzuschütten. Für den Künstler stellte sich damit die – an die Psychoanalyse erinnernde – Aufgabe, einen Umgang mit verschütteten Erfahrungen zu finden.
Es traf sich, dass diese Aufgabe auch der Archäologie zukommt, die bereits vor der künstlerischen Intervention ihre eigene Analyse der Vergangenheit vorgenommen hatte. Tatsächlich übernahm Stefan Klampfer, der die Arbeit in Kollaboration mit dem Architekten Helmut Frötscher realisierte, nicht nur im Titel seines Werks die archäologische und psychoanalytische Terminologie von "Analyse und Interpretation". Auch für seine formale Herangehensweise bediente er sich der archäologisch ermittelten Grundrisse der früheren Kirchenbauten und somit direkt der materiellen Erinnerungsspuren. Das Ausgraben und das Zuschütten dienten ihm dabei sowohl als vorbereitende wie auch gestaltende Akte. Metaphorisch und praktisch muss es Künstlern und Künstlerinnen gelingen, Vorgefundenes zu verwerten und nötigenfalls loszuwerden, um zu einer endgültigen Formung zu kommen.
Mit seiner Verfahrensweise ordnet Stefan Klampfer die bauliche Vergangenheit des Ortes und ermöglicht die visuelle Erfahrung einer mehr als tausendjährigen Abfolge baukultureller und religionsgeschichtlicher Ereignisse. Seine Vorgangsweise ist dabei methodisch und nachvollziehbar: Die verschiedenen Ebenen der Ausgrabung wurden in einen Gesamtgrundriss übertragen. Jeder Bauphase des Kirchenbaus wurde eine Farbe zugewiesen. Die Umsetzung des somit gewonnenen Plans erfolgte zweidimensional in Form einer begehbaren eisenbewehrten Betonplatte. Abweichend von diesem Grundraster markieren Steine die Fundstellen der zahlreichen Kindergräber, die eine der nicht vollständig geklärten Besonderheiten der Ausgrabung darstellen.
Bereits in der farblichen Zusammenfassung von romanischer und mittelalter Kirche, beide in einem Rotton, der sich vom zeitlich späteren „barocken“ Gelb absetzt, erlaubt sich der Künstler eine Abweichung von einem rein baugeschichtlichen Vermittlungsprogramm. Doch es ist eine andere Abweichung, die stärker auffällt: Zwei große kreisförmige Strukturen, in Klampfers „1:1-Plan“ in Grau ausgeführt, liegen offensichtlich quer und passen nicht in die ausgewogene Ausrichtung der Kirche. Es handelt sich dabei um die jüngste Ausgrabungsebene: Zwei Betonringe sind als Reste einer Luftbeobachtungsstation der deutschen Wehrmacht aus dem Zweiten Weltkrieg verblieben. Indem Stefan Klampfer von Beginn seiner Beauftragung an darauf Wert legte, auch diese archäologischen Zeugnisse gleichwertig in seine Darstellung zu integrieren – eine Forderung, der sich nach kurzer Nachdenkzeit auch die Archäologen anschlossen –, hat er sichergestellt, dass seine künstlerische Analyse nicht die Basis einer weiteren Verdrängung werden kann. Klampfers Arbeit erinnert daran, dass dem Berg historisch nicht nur baugeschichtliche und religiöse Bedeutung zukommt, sondern dass seine exponierte Lage eben auch für militärische Zwecke des nationalsozialistischen Regimes genutzt wurde. Klampfer fügt damit in einem Bild zusammen, was bisher aus zwei auseinanderliegenden Gedenksteinen zusammengefügt werden musste. Während der eine – nahe dem Parkplatz – nur die Schönheit und kulturgeschichtliche Reichhaltigkeit des Ausblicks besingt, spricht der andere – näher am Gipfel – zwar von den Schrecken des Krieges, ohne jedoch weiter ins Detail zu gehen.
Stefan Klampfers Bild, Skulptur und Intervention machen aus der zugeschütteten Ausgrabung ein Erinnerungsbild, in dem sich nicht nur die Jahrhunderte, sondern auch die Nutzungsformen überlagern. Er weist nicht nur auf Bestehendes unter der Erde hin, sondern er fügt der Kulturlandschaft eine neue Schicht hinzu. Er tut dies selbstbewusst mit einem Material, das wieder die Jahrhunderte überleben wird. Unweigerlich müssen wir uns die Frage stellen, zu welchen Interpretationen sein Werk Anlass geben wird, sollte sich in ferner Zukunft eine neue Generation von Archäologen dem Michelberg widmen. Wie um die Möglichkeit zu derartiger Reflexion zu fördern, fügte der Künstler seiner Installation noch zwei Elemente hinzu, die beide dem Sehen, dem Denken und dem Verweilen dienen: Ein kleiner Turm aus Betonringen, etwas abseits der Installation, verschafft die Möglichkeit zur Draufsicht, und neue Bänke treten an die Stelle der alten Sitzgarnituren neben der Kapelle.
Das Werk aktualisiert die vorgefundene Situation und macht sie damit zukunftsfähig. Durch die Zeitgenossenschaft seiner Mittel und die Geistesgegenwart seiner Installation hat Stefan Klampfer die Möglichkeit geschaffen, auf dem niederösterreichischen Michelberg über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nachzudenken.
(Martin Fritz)
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