jitish kallat


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here after here after here



Nicht nur das Kapital ist global, auch die Kunst. Nun also ein Künstler aus der indischen Metropole Mumbai in Stockerau. Jitish Kallat ist ein globaler Künstler. Ein Auszug aus seinen Ausstellungen liest sich wie ein Gipfeltreffen der wichtigsten Kunstinstitutionen: Mori Art Museum in Tokyo, Tate Modern und Serpentine Gallery in London, Martin Gropius Bau in Berlin, Art Institute of Chicago, Gwangju Biennale in Südkorea, Asia Pacific Triennale in Australien. Hier, bei Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich entsteht in der Regel ortspezifische Kunst. Aber was heißt ortspezifisch im 21. Jahrhundert? Ist das Leben der Menschen in Stockerau wirklich so anders wie in Melbourne oder Miami? Selbstverständlich war Jitish Kallat mehrmals in Stockerau zu Besuch. Er hat sich umgesehen. Und doch ist er Durchreisender geblieben. Dabei haben sich bei ihm, wie er selbst sagt, vor allem die Straßenkorridore, der Rhythmus aus Lärmschutzwänden und Wegweisern eingeprägt. Vielleicht sind Farbe und Typografie der Straßenschilder das einzig Spezifische, das in den Korridoren, auf denen Waren und Menschen tagtäglich zirkulieren, noch geblieben ist? Und trifft das Auf-dem-Weg-Sein nicht den Kern des Lebens in der Region "10 vor Wien", zu der sich Stockerau gemeinsam mit 9 Nachbargemeinden zusammengeschlossen hat? Das Pendeln zum Arbeitsplatz, Einkaufen im Gewerbegebiet, die Kinder zu Freunden oder zum Fußplatzplatz bringen – ein Alltag rund um den Kreisverkehr.

In einem Skype-Gespräch hat mir Jitish Kallat verraten, dass er eines Tages, an seinem Computerbildschirm sitzend, Stockerau in zwei Google-Earth Fenstern betrachtet hat. Er wollte dem Kontext des Ortes aus verschiedenen Distanzen nachspüren. Und plötzlich waren das Kreisverkehrs-Rondell als Nahaufnahme und die Erdkugel, aus dem All gesehen, in den zwei Bildfenstern gleich groß. Die ganze Welt in einem Kreis. Wie ein Mandala, das zugleich Bild, Bauplan und Symbol ist und in seinen Geometrien das ganze Universum verkörpert. Kallat nimmt schon im Titel seiner Arbeit "Here After Here After Here" auf die Figur rekursiver Schleifen Bezug. Wir finden sie in vielen Kulturen, in den endlosen Knoten des Buddhismus genauso wie in alchemistischen Diagrammen und natürlich im mythischen Ouroboros. Der „Selbstverzehrer“, der sich selbst in den Schwanz beißt, der autark ist und keine Extremitäten zur Fortbewegung braucht; denn es gibt keinen Ort außerhalb. Selbst Kreis und damit die vollkommenste aller Formen, kreist er ewig um sich selbst. Jitish Kallat hat schon in früheren Arbeiten mit dem Ouroboros gearbeitet. In Melbourne hat er nachts, während der Sperrstunde, die Youtube Puffer-Animation auf eine Museumsfassade projiziert. Diese Überführung von historischem, kulturellem Wissen in die Jetztzeit kennzeichnet seine Arbeitsweise. Beim Kreisverkehr in Stockerau biegt und verknotet er Autobahnschilder zu einem gigantischen Knäuel aus Endlosschleifen. Auf den ersten Blick, wenn man in die Rundung einbiegt, wirken die Schilder trotz ihrer skulpturalen Überformung vertraut. Farbe und Schrift stimmen. Erst beim Weiterfahren schleicht sich eine Irritation ein, eine Vermutung dehnt sich aus wie ein visueller Dopplereffekt: Die Schilder weisen nicht in den Nachbarort und auch nicht in die nächst größere Stadt. Marakesh, Sidney, Warschau, Mumbai, Caracas, Los Angeles – die ganze Welt scheint sich in diesem Kreis zu ballen. Unmöglich den verschlungenen Wegweisern und Kilometerangaben zu folgen. Bevor man den Knoten gelöst hat, ist die Fahrt um den Kreis auch schon zu Ende. Das Geheimnis bleibt.

"Die Straße ist mein Universum", sagt Jitish Kallat in einem Interview mit Rajesh Punj für „The Asia Art Newspaper“ im Februar 2010. In vielen seiner Arbeiten verwendet er Materialien und Bilder aus dem Straßenleben seiner Heimatstadt Mumbai. Ganz ähnlich verfährt er nun in Niederösterreich. Mythische Traditionen und profane Zeichen, die uns jeden Tag umgeben, Globales und Lokales verbinden sich zu einem Werk, das wie selbstverständlich im Zentrum des Kreisverkehrs Platz nimmt. Eine Skulptur, die sich selbst genügt und die doch mit uns kommuniziert. Wir können sie anschauen, lesen, erfahren und über ihr Nachbild meditieren, das sich eindrücklich in unseren Wahrnehmungsapparat einschreibt. Ein Künstler aus Mumbai hat in der Unwirtlichkeit eines niederösterreichischen Kreisverkehrs ein dreidimensionales Zeichen geschaffen, in dem sich Geheimnis und Augenzwinkern entspannt die Hand reichen.
(Angelika Fitz)

Weitere Kreisverkehre in Kooperation mit
"10 vor Wien":
Priscilla Monge, Leobendorf
Tarek Zaki, Hagenbrunn
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