Partizipative Modelle von Kunst im öffentlichen Raum

Kunst nimmt sich heute gesellschaftlicher Probleme an und setzt bei der Konzeption und Produktion ihrer Arbeit immer wieder auf die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit. Aber: Wer arbeitet für und mit wem und in wessen Auftrag an dieser Kunst im öffentlichen Interesse? Wo gibt es nachvollziehbare Modelle, wo sind deren Schwachstellen? Was sind die Eingriffsmöglichkeiten der Kunst in die vielfältigen öffentlichen Räume der Gegenwart und wo findet sie die Möglichkeit, ihr Terrain zwischen Mobilisierung und Ortsgebundenheit abzustecken?
Die Veranstaltung versuchte, anhand zweier völlig verschiedener Beispiele, die für partizipative Praxen stehen – eines künstlerischen und eines kuratorischen Entwurfs –, Antworten auf diese Fragen zu geben.

20. November 2002, 19.30 Uhr
„So wohnen wir“
Mit ihrem Projekt „So wohnen wir“ rückt Pia Lanzinger den kommunikativen Aspekt des Wohnens in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Sie veranstaltete „Wohnwanderungen“ in der Messestadt Riem (die Messestadt Riem ist eines der größten Städtebauprojekte Europas und liegt auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens München-Riem. Bis Ende 2001 wurden ca. 750 Wohnungen fertig gestellt, insgesamt sollen in den nächsten Jahren 7.500 Wohnungen für 16.000 EinwohnerInnen entstehen), die einen Einblick in die verschiedensten Wohnformen und Einrichtungskonzepte boten. In kleinem Kreis zeigten BewohnerInnen einander die Gestaltung ihres privaten Lebensraumes. Durch diese nachbarschaftlichen Führungen entstand ein sozialer und kultureller Austausch, den Pia Lanzinger als Video aufzeichnete.
Die Zeitschrift „Schönes Wohnen in der Messestadt Riem“ verbindet die mit den BewohnerInnen aufgenommene Kommunikation mit künstlerischen Beiträgen und grundsätzlichen Überlegungen zu Urbanismus und der Kunst des Einrichtens. Sie greift formale Elemente von typischen Wohnzeitschriften auf, zeigt aber inhaltlich die Lebensrealität der MessestädterInnen. Ihre sozialen Verhältnisse, Wohnwelten und deren Inszenierungen stehen im Zentrum des Interesses. Die Zeitschrift bringt das attraktive Image und den ästhetischen Genuss eines handelsüblichen Einrichtungsmagazins mit realen Wohnsituationen in Zusammenhang.
Für transeuropa zeigte Pia Lanzinger neben dem Video in einer Installation ihr Projekt „So wohnen wir“ und diskutierte in einer gut besuchten Lecture ihre kommunikativen Fähigkeiten für das Zustandekommen dieser Arbeit.

4. Dezember 2002, 19.30 Uhr
„Das Protokoll“
Francois Hers stellte ein neues Modell politischer Ökonomie der Kunst im öffentlichen Raum vor. „Das Protokoll“ hatte er bereits 1963 in Flämisch verfasst. 2001 wurde es in Französich, Englisch, Deutsch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Griechisch, Russisch, Schwedisch, Japanisch und Chinesisch im Verlag „les presses du réel“ neu aufgelegt. Bei seinem demokratischen Modell wird der Zuschauer zum Handelnden und übernimmt selbst Verantwortung für die Herstellung eines Kunstwerks. „Das Protokoll“ lässt die Bürger zu Akteuren, zu Auftraggebern im Bereich der Kunst werden, unabhängig von deren finanzieller Lage. Ganz wichtig in diesem Beziehungsdreieck zwischen Künstler, Bürger und Auftraggeber ist die Rolle des Vermittlers, des Mediators. Der Mediator hat die Aufgabe, die Wünsche des Auftraggebers auszuloten, geeignete Künstler vorzuschlagen und mit ihnen gemeinsam die Realisierung des Kunstwerks durchzuführen. Dieser Prozess kann von unterschiedlicher Dauer sein, kann sich über Jahre erstrecken, ist aber grundlegend für das erfolgreiche Zustandekommen eines Projektes. Hers entwickelte zuerst mit privatem Kapital dieses Modell und kooperierte später mit der Fondation de France, die 1969 auf Anregung von André Malraux gegründet wurde, um in Frankreich das Mäzenatentum in den Bereichen Kultur, Gesundheitsvorsorge und solidarische Wirtschaft zu entwickeln. Dabei ist der Kunstbegriff sehr weit gefasst: Neben künstlerischen Fragen und deren Weiterentwicklung werden auch Fragen nach gesellschaftlichen Beziehungen, nach den politischen, juridischen und technischen Dimensionen der Produktion von Kunstwerken gestellt. Unter den Titeln „Neue Auftraggeber“ und „Künstlerinitiative“ hat „Das Protokoll“ schon über hundert Kunstwerke in Frankreich realisiert.
Siehe www.bureaudescompetences.org

Kuratorin: Hedwig Saxenhuber
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