media > Die Ohren wachsen. (Ausschnitt)
 
ulrike schweiger, DIE OHREN WACHSEN
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ulrike schweiger


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DIE OHREN WACHSEN



Die Vorgeschichte ist bekannt: Am 8. Mai 1945 treffen in Erlauf der kommandierende General der 65. US-Infanteriedivision, Stanley E. Reinhart, und der kommandierende General der 7. sowjetischen Garde-Luftlande-Division, Generalmajor D. A. Dritschkin, mit offiziellem Handschlag aufeinander, der auf österreichischem Boden das Ende des Zweiten Weltkrieges besiegelt. Weit weniger publizistisch ausgeschlachtet als jenes Treffen der Alliierten am 25. April 1945 in Torgau an der Elbe und bis in die Jahre, als ein österreichischer Emmigrant die Sache eher zufällig erst ausforschte, nur wenigen bekannt, sollte dieses Ereignis Anlass für eine Neuorientierung der Gemeinde werden. Erlauf etablierte sich als Friedensgemeinde, errichtete ein Gemeindemuseum und plante, in enger Zusammenarbeit mit der Niederösterreichischen Landesregierung künstlerische Projekte zu realisieren. Als Erstes wurde an ein Friedensdenkmal gedacht, das zum großen Gedenkjahr 1995 verwirklicht werden und aus zwei künstlerischen Beiträgen von einem sowjetischen und einem amerikanischen Künstler bestehen sollte.
Diese erste Idee aufgreifend, wurde als Geschenk der Sowjetunion auf offiziellem Weg eine Skulpturengruppe mit den beiden Offizieren von Oleg Komov gestiftet, der nach Erlauf kam, dort arbeitete und zeichnete und dessen Erscheinen nicht ohne Kritik und Widerspruch aufgenommen wurde. Dass für den Gegenpart Jenny Holzer gewonnen werden konnte, war nicht zuletzt dem großen Engagement von Bürgermeister Franz Kuttner zu verdanken, der die Künstlerin besuchte und sie dazu überreden konnte, für Erlauf den zweiten Teil des Friedensdenkmals zu übernehmen. Man könnte sich kaum zwei konträrere Arbeiten vorstellen, die – beide an der Bundesstraße gelegen und durch eine Ortsstraße getrennt – nun das Friedensdenkmal Erlauf bilden. Im Gegensatz zur traditionellen Skulpturengruppe von Oleg Komov besteht Jenny Holzers Beitrag aus einer Stele, einem Flagscheinwerfer und einigen für sie typische Textarbeiten, die Schrecken und Entsetzen beim Namen nennen und streng pazifistisch orientiert sind. Zur Einweihung 1995 – Oleg Komov war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben – kam Jenny Holzer nach Erlauf und musste wie alle anderen kritisch eingestellten Festteilnehmer zur Kenntnis nehmen, dass der 8. Mai 1995 ein Veteranentreffen war.
2000 und 2002 folgte das zweiteilige Projekt "Erlauf erinnert sich …", das Hedwig Saxenhuber kuratierte. Vorangegangen waren die Nationalratswahl 1999 und die Bildung einer schwarz-blauen Regierung. Mit dem Aufstieg der FPÖ zur zweitstärksten Partei wurden Themen wie Nationalsozialismus, Vergangenheitsbewältigung und deren Aufarbeitung wieder sehr aktuell, zumal der Rechtspopulismus dieser Partei dies erforderlich machte. Rassismus, Fremdenhass und Ausgrenzung wurden denn auch von einer Gegnerschaft dieses politischen Wandels vehement bekämpft. Dies war die Situation, an die "Erlauf erinnert sich …" anknüpfte. Die Arbeiten von Ines Doujak, Nicole Knauer, Pia Lanzinger, Adrian Piper, Clemens Stecher und Milica Tomi? waren temporäre Projekte, die zum Großteil eigens für Erlauf konzipiert worden waren. Pia Lanzinger etwa befragte in einer Art Oral History einige Erlaufer Frauen, die mit einem Ausländer verheiratet waren. Milica Tomi? nahm sich die Komov’sche Skulptur vor und ergänzte das zwischen den Offizieren positionierte Mädchen mit Bewohnern aus dem Ort, nicht zuletzt, um ihre eigene Position einer serbischen Künstlerin in ein Bezugsfeld zu setzen. Am zweiten Teil 2002 nahmen Alice Creischer, Sanja Ivekovi?, Werner Kaligofsky, Dorit Margreiter, Roman Ondák und Haroutioun Simonian teil und hinterfragten Dispositive von Erinnerung und deren Repräsentation in der zeitgenössischen Kunst.

Mit 2005 war wiederum ein rundes Gedenkjahr gegeben, das man, auch angesichts der zehnjährigen Aktivität der Gemeinde, neuerlich mit einem künstlerischen Beitrag feiern wollte. Nach wie vor versteht sich Erlauf als Ort der Friedenserhaltung und wollte dafür auch in diesem Jahr ein Zeichen setzen. Nach längeren Überlegungen entschloss man sich, nun die Musik in den Vordergrund treten zu lassen. Mit dem bekannten Komponisten und Musiker Konrad Rennert wurde ein ebenso kundiger wie enthusiastischer Musiker gefunden, der vorschlug, am Gedenktag ein Konzert zu veranstalten, an dem alle Erlaufer teilhaben sollten. Wichtig war ihm der partizipatorische Aspekt, und er setzte auf einen spannenden Entwicklungsprozess vor Ort, wissend, dass dieser – wie auch die künstlerischen Arbeiten in den Jahren davor – auch immer wieder Ablehnung bzw. Kritik ausgesetzt sein würde.
In Niederösterreichs Gemeinden spielt die Musik bekanntermaßen eine große Rolle, das ist auch in der Gemeinde Erlauf so, die – obwohl nur aus 1200 Einwohnern bestehend – hier auf ein reges Vereinsleben blicken kann. Trachtenkapelle, Kirchen- und Jugendchöre sowie eine ortseigene Rockband waren denn auch Rennerts wichtigste Ansprechpartner. Sein Ziel umschrieb er als "eine Symbiose möglichst vieler verschiedener Stilrichtungen, gegenseitiges Zuhören und Verstehen sowie allgemeine Akzeptanz verschiedenster musikalischer Welten". Sein Konzert, das tatsächlich am 6. Mai 2005 stattfand, nannte er ein Harmonieexperiment für den Frieden mit dem Titel "AMF – Allied Musical Forces – Erlauf. Ein Konzert für den Frieden". Es war der Schluss- und Höhepunkt monatelanger Auseinandersetzung, Proben und Vorbereitungen - in Zusammenarbeit mit der Musikerin Katharina Wurglits - in denen letztendlich gegenläufige musikalische Vorstellungen aufeinander trafen. Dennoch konnte Rennert traditionelle Musik mit experimenteller vereinen und Hör- und Sehgewohnheiten aufbrechen.
Begleitet wurde Konrad Rennert von der Filmemacherin Ulrike Schweiger, die in einem 60-minütigen Dokumentarfilm Konrad Rennert von der ersten Probe bis zum Konzert begleitete. Der Film, der den sprechenden Titel "Die Ohren wachsen" trägt, beginnt im Winter und endet mit der Aufführung. Neben der Arbeit des Komponisten hat er den Ort als Ganzes im Blick, um an einzelnen Personen oder einzelnen Orten immer wieder Alltag und Lebensgewohnheiten aus Erlauf mit einzubeziehen. Schweiger setzt äußerst differenziert und einfühlend markante Eckpunkte, wie die Spaziergängerin mit Hund, die eingangs sagt, es gebe zwar keine Sehenswürdigkeiten in Erlauf, aber es spiele sich hier was ab. Da ist der ältere Herr, der beim Bahnhof wohnt und den wir über die Projektzeit im Wechsel der Jahreszeiten verfolgen. Ulrike Schweiger, bekannt durch den Kinofilm "Twinny", der zum Großteil im Weinviertel gedreht wurde, gelingt es, die Arbeit Rennerts im Ort zu kontextualisieren. Sie macht auf das Spezielle dieses Projektes neugierig, zeigt den Ort, seine Lage an der Bundesstraße, seine Situation mit dem Denkmal u. a. m. und lässt auch die durchaus kontroversielle Situation in den Film einfließen.
Konrad Rennert begegnet den Bedingungen in Erlauf mit großer Freude und Ausdauer. Die Distanzen, so zeigt es uns der Film, waren schon allein räumlich zu überwinden. Im Film werden denn auch sein Ankommen und Abfahren beschrieben, zusätzlich sieht man ihn im Zug oder im Kaffeehaus schreiben und an der Partitur arbeiten, die immer komplexer wird. Die Erlaufer stehen ihm unterschiedlich gegenüber, von den begeisterten kleinen Kindern bis zu älteren Skeptikern. Dennoch zeigt der Film auch, dass es sich gelohnt hat und Rennert hier eine experimentelle Werkstatt eröffnet hat, die den Laienmusikern neue Perspektiven anbot. So betont etwa ein junger Mann nach der Aufführung, dass sich das Experiment gelohnt habe, und sagt sinngemäß, es habe ihm zwar nicht alles gefallen, aber es war allemal wert, sich darauf einzulassen.
Die etwa eine Stunde dauernde musikalische Collage hatte neben ihrer Intention, musikalisches Selbstverständnis und Hörgewohnheiten zu hinterfragen, ein enormes kommunikatives Potenzial, das die Frage der letzten Jahre "Ist das Kunst?" in jene "Ist das noch Musik?" verwandelte und den ganzen Ort mit einbezog. Im Juni 2005 wurde schließlich der Film vorgeführt und das Ereignis nochmals in einem letzten Resümee zusammengefasst, bevor Erlauf sein Jubiläumsjahr zu Ende gehen ließ, um aber in den folgenden Jahren hoffentlich wieder neue Aktivitäten folgen zu lassen.
(Susanne Neuburger)

Das Projekt ist dokumentiert im Archiv der Kunst im Museum ERLAUF ERINNERT.


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