© Edith Dekyndt Foto: Wolfgang Woessner
© Edith Dekyndt Foto: Wolfgang Woessner
 

edith dekyndt


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bully missy queeny tipsy benji teddy



Langsam spaziert ein junger Mann in österreichischer Volkstracht einen Monat lang während des sommerlichen Grafenegger Musikfestivals regelmäßig am Abend vor den Konzerten durch den Park. Man weiß nicht, wo der junge Spaziergänger in Lederhosen herkommt, wohlmöglich aus einer anderen Zeit. Seine Kleidung steht für eine Kontinuität der bäuerlichen Tracht, die in der gegenwärtigen Rückbesinnung auf regionale und nationale Zugehörigkeitsbedürfnisse eine romantisierende Renaissance erlebt. Drei Drohnen folgen dem Mann über Kopfhöhe und filmen seinen Spaziergang vorbei an Konzerthalle und Freilichtbühne. Die Filme kann man dann auf dem Bildschirm im Foyer der Konzerthalle sehen. Mit der Inszenierung erinnert Edith Dekyndt an die sechs Hunde der Schlossbesitzer (Bully, Missy, Queeny, Tipsy, Benji und Teddy), die auf dem kleinen Hundefriedhof im Park um die Skulptur eines Spaniels herum über die Jahre hinweg begraben wurden. Als „Nekropolis eines lautlosen Rudels“ bezeichnet die Künstlerin die Gräberansammlung. Dekyndt lässt die Hunde, die zu deren Lebzeiten den Park bis in die letzten Winkel belebten, wiederauferstehen. Sie projiziert ihre Wesen in Form von kleinen Robotern, die in der Luft wie flanierende drollige Tiere anmuten, ins 21. Jahrhundert.

Dabei greift die Künstlerin, ihrem Interesse an Mysterien des Alltags folgend, eine mündlich überlieferte Geschichte auf, der zufolge der während der sowjetischen Besetzung (1945–1955) für Grafenegg zuständige Kommandant Schukowskij den englischen Park in eine Agraranlage umwandeln wollte. Es sei seine Frau mit ihrer Liebe zu ihrem Hund und zu den Spaziergängen mit diesem im Park gewesen, die diesen Plan durchkreuzt hätte. Sollte der Schlosspark wirklich durch Frau Schukowskaja gerettet worden sein? Diese Frage stellt sich Dekyndt als aufmerksame Beobachterin alltäglicher Prozesse. Aus einer Zeit, von der alle schriftlichen Belege zerstört sind, lässt sie die Geschichte durch einen geheimnisvollen stummen Protagonisten wie eine Art Novelle nacherzählen und dabei die malerischen Qualitäten des Parks als begehbares natürliches Landschaftsgemälde in zeitliche Abläufe übersetzen.

So scheint es, doch die Performance ist als offenes Experiment der Interaktion des Menschen mit künstlicher Intelligenz angelegt. Wie stereotyp auch immer die Spaziergänge scheinen, es gibt keine Wiederholung. Jeden Tag lernen die Drohnen mittels eines dreidimensionalen Lese- und Auswertungsverfahrens, das auf der Automatisierung intelligenten Verhaltens basiert, hinzu. Je perfekter der Ablauf wird, umso mehr haben sie die Bewegungsabläufe ihres Herrchens in diesem konstanten Lernprozess erfasst und ihr Folgeverhalten optimiert. Fliegen sie beim ersten Rundgang noch in Bäume oder schweifen ab, werden sie täglich „zahmer“ und folgen zum Schluss „auf den Fuß“. Was so auf die einen BeobachterInnen drollig wirkt, mag anderen bedrohlich erscheinen. Denn in dem Szenario versteckt sich ein bedrohliches Vexierbild, das uns von der täglichen Reduktion des individuellen Freiraums durch wachsende Möglichkeiten an Überwachung in einer digitalisierten Welt erzählt.


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